autobiographische Notiz

trlau_fognin_img_2650_leute-von-hinten_der-mann-mit-dem-umhang_kl Leider neigte (und neige) ich dazu, über Geld, gerechte Rechnungen und die daraus sich ergebenden sozialen Zusammenhänge umfassend nachzudenken. Meine eigenen, teilweise mühselig erarbeiteten Fähigkeiten erschienen mir unbedeutend gegenüber noch zu bewältigenden Gebieten. In unserem verkorksten Staatsgebilde ist es ausgesprochen kontraproduktiv darüber nachzudenken, ob mein Kunde seine Rechnung auch bezahlen kann. Ich muss die meinen ja auch ohne wenn und aber begleichen. Dort war ich innerlich nicht, wollte auch nicht dahin, und beherrsche die Spielregeln des Kapitalismus bis heute nicht. So mussten die Götter weiterhin recht häufig unsere kleine Familie retten.

Meine Frau war ebenfalls selbständig und unsere Kinder noch im Krabbelalter. Bereits seit Tagen war ich nervös: keine Einnahmen, obwohl viele meiner Forderungen längst überfällig waren. Die Konten standen einhellig auf „rot“, mein Banker lächelte etwas gefroren, wenn er mich sah. Meiner Frau erzählte ich solche Dinge nicht. Warum auch sie beunruhigen? Doch sie kam von sich aus auf mich zu und berichtete, dass ihre Kunden momentan nicht zahlten, die Vorräte unseres Haushalts erschöpft seien und sie dringend einkaufen müsse. Kurz, sie brauchte Geld. Nun berichtete ich meine fast gleich lautende Geschichte und wir mussten erstmal heftig lachen. Eigentlich waren wir ja richtig „reich“, denn unsere Geschäfte liefen gut. Wenn dann die Rechnungen von unseren Kunden bezahlt sein würden, ja dann…

Nachdem die Kleinen mit Griesbrei ins Bett gefüttert waren, setzten wir uns in die Küche. Während wir das letzte Paket Knäckebrot futterten, inspizierten wir die Schränke und machten Inventur. Viel war es wirklich nicht, was uns aus den Regalen entgegenlachte: wenig Mehl, kaum Konserven und wahrlich nur kümmerliche Reste von Reis und Nudeln. Alles in allem: für eine Mahlzeit „Teuflische Mischung“ würde es wohl reichen. Französische Küche, was die Mengen angeht. Bei der Zubereitung allerdings würde auch Paul Bocuse verzweifeln. Plötzlich grinste meine Gattin über das ganze Gesicht. Sie war gerade aus dem hintersten Winkel des gewaltigen Küchen- Einbauschrankes gekrabbelt und hielt mit Mühe einen mittelgroßen Sack in die Höhe. „Wir haben noch Hirse“, triumphierte sie, „die habe ich vor längerer Zeit mal geschenkt bekommen.“

Den Rest des Abends verbrachten wir gemütlich beim Tee, Pläne schmiedend. Hirse ist zwar nicht die kulinarische Erfüllung, aber ganz sicher sättigend. Zumal die Mutter meiner Kinder kürzlich ein verlassenes Rhabarberfeld zwischen den umliegenden Gärten entdeckt hatte. Wenn wir schnell, bevor er endgültig blühte, die Stängel abernten würden, dann öffneten sich uns ganz neue Welten einer autonomen Ernährung. Langsam waren wir in einer ausgesprochen ausgelassenen Stimmung angekommen, wir dachten uns immer neue alberne Kochrezepte aus und kreierten sogar eine neue Modediät aus unserem Fundus. Anstatt uns wegen Geldmangel die Haare zu raufen, kicherten wir noch im Bett halblaut vor uns hin.

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http://hp.fogserv.de/lizenzen/cc-lizenz/   Bild von Marianne Tralau