autobiographische Notiz

Unsere Götter sind zuverlässig

tralau_img_1885-portrait Dem Umgang mit Geld und damit zwangsläufig den Gedanken an Arbeit und Einkommen kann man sich nur schwer entziehen. Als ich mit sechzehn Jahren eine Lehre begann, hatte ich schon bald eine kleine Wohnung und damit „Fixkosten“ von fünfzig Mark im Monat. Kein wirkliches Problem – das war ein Fünftel meines Einkommens. Einnahmen und Ausgaben wurden zwangsweise mehr. Als die Lehre für mich (und den Arbeitgeber) zunehmend zur Leere wurde, siedelte ich in die Schweiz über und arbeitete an einer großen Bühne als Beleuchter.

Bevor ich über das dortige schmale Einkommen bei gestiegenen Kosten referiere, noch eine anekdotische Erklärung zu meinen verschiedenen „Berufen“: Als Kurzschuljahr- Kind musste ich mit vierzehn oder fünfzehn zum Berufsberater. Ein zweifelhafter Hauptschulabschluss kündigte sich an. Auf die routinierte Frage: „Was willst du denn werden?“ konnte ich mit klaren Vorstellungen kontern: „Bühnenbeleuchter oder Buchhändler, vielleicht auch Lektor“. Als der Herr mit dem mausgrauen Schlips sich von seinem Lachanfall erholt hatte, versuchte er mir klarzumachen, dass mit meinem Zeugnis… und überhaupt, „Bühnenbeleuchter ist kein Beruf, da werde mal lieber Elektriker“. Auch der nächste Berufswunsch behagte ihm wenig: „Für Buchhändler braucht man mindestens die mittlere Reife. Da besteht keine Chance.“ Während ich noch darüber nachdachte, wie traurig doch eine mittelmäßige Reife oder gar ein Abschluss in Realität sein muss, prustete der farblose Mensch erneut los und versuchte damit wohl seine Unkenntnis meines Berufswunsches „Lektor“ zu verbergen. Das vergackerte Fazit lautete verkürzt, dass ein Lesender zu sein einem hauptgeschulten Menschen nicht anstünde und ich mich doch mal bei jener Elektrofirma bewerben sollte, die meinem Wunsch Elektro-Installateur entsprechen könnte. Dem verdutzten Knaben wurde ein in amtlichem Schmuddelton gehaltener Zettel in die Hand gedrückt.

Selbst in diesem zarten Alter war mir bereits klar, dass Feen anders aussehen und dass Wünsche nicht von Behörden befriedigt werden. Leider war mir aber noch nicht bewusst, dass Grauschlipse so etwas wie böse Trolle für kreative Menschen sind und ihre Ratschläge nur Lebenslaufkapriolen verursachen. So wurde ich zwei Jahre lang (sehr lang) nicht Elektriker, um nach der befreienden Entlassung gleich als Bühnenbeleuchter zu arbeiten.

Die Schweiz ist teuer, und das Gehalt von jemandem, dem die Arbeitserlaubnis erst noch zu besorgen ist, gering. Aber es ging. Meine materiellen Bedürfnisse gipfelten in der Gier nach einem Mofa. Für eine neue Brille musste schon ein Kredit aufgenommen werden. Dafür waren die Zigaretten wohlfeil. Rauchen statt essen hält schlank!

 

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https://fognin.de/lizenzen/cc-lizenz/ Bild von Marianne Tralau

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