autobiographische Notiz

tralau_fognin_img_3223 Am nächsten Morgen in aller Frühe war das Rhabarberfeld geplündert und die sauren Stangen wurden gerade eingekocht, als der Postbote einen Brief von der Großmutter meiner Frau brachte. Die alte Dame war nicht gerade eine Meisterin der freundlichen Kommunikation, sie tadelte und ermahnte ausgesprochen gerne, es gab also keinen Grund, die Arbeit zu unterbrechen und den Brief sofort zu lesen. Während wir mittäglich die erste Portion Hirse (mit Zwiebeln) verdauten, öffnete Christiane den Brief. Ihr etwas angestrengtes Gesicht wandelte sich schlagartig, als sie neben einem lakonischen Zettel einen blauen Scheck entdeckte. Tausend Mark wies der Bankbeleg aus. Auf dem Papier stand nur: „Ich glaube, ihr könnt das gebrauchen. Liebe Grüße, Omi.“

Über zehn Jahre lang existierte die EDV- Firma und lieferte Computer und Fachwissen an Einrichtungen in Stuttgart. Langsam aber deutlich änderte sich das Gebaren der Kunden. Immer verstärkter wurden Rechnungen anstatt bezahlt lieber reklamiert. Geiz wurde geil und brachte viel Egoismus mit sich. Außerdem wurden immer weniger Problemlösungen von mir verlangt, stattdessen waren müßige Diskussionen über Prozessoren angesagt. Ich hatte keine Lust mehr, zumal der „rote“ Zustand auf den Konten dauerhaft zu sein schien. Die Firma aufzulösen dauerte ein Jahr und brachte sehr spannende und vollkommen neue Erfahrungen über Geld mit sich. Ich hätte vorher nicht gedacht, dass eine Bank auf den Vorschlag, zwanzig Prozent der geschuldeten Summe sofort zu bekommen oder evtl. gar nichts, weil ja definitiv nichts zu holen war, freudig und schnell zugehen würde. Durch die Hilfe eines weiteren Gläubigers konnte dieser Teil aufgebracht werden. Nur ein privater Kreditgeber, der bisher ungewöhnlich hohe Zinsen gefordert hatte, reagierte nicht auf die Vergleichsvorschläge und ging letztendlich leer aus.

Der Entschluss, die Firma zu liquidieren, fiel in Eckernförde und sollte unsere Familie genau dorthin bringen. Zuvor mussten wir Sozialhilfeempfänger aber die wirtschaftlichen Voraussetzungen für einen Umzug quer durch die Republik „finden“. Aber inzwischen waren wir ja sicher:

Unsere Götter sind zuverlässig.

Goldmarie_978-3-940586-01-8_uf300 aus: „Das Geheimnis der Goldmarie“
Arbeit, Geld und Karma
-ein Werkstattgespräch 

Herausgegeben von
Christiane Feuerstack

 MenschMedienVerlag

1. Auflage 2008
265 Seiten,
ISBN 978-3-940586-01-8

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