autobiographische Notiz

tralau_fognin_img_2657_kurz-vor-12_kl Meine Abreise aus der Schweiz war vielleicht schon mehr eine Flucht. Schon äußerlich passte der langhaarige „Mittpubertant“ nicht in das gepflegte Weltbild. In Schweden, wo ich eine jüngst dorthin gezogene Freundin besuchen wollte, war man toleranter. Meine „Urlaubsreise“ ohne Geld und stark geprägt von dem Willen, weg zu wollen ohne wieder zur Vergangenheit zurückzukehren, war sehr kurz und auch ganz schön lang. Wer die Tabakpreise in den Achtzigern in Skandinavien kennt, kann sich vorstellen, dass ich bald „auf dem Trockenen“ war. „Kein Geld, also Arbeit“, lautet das gesellschaftliche Motto, das jungen Menschen eingeimpft wird. Alles Quatsch, wie sich bald herausstellen sollte.

In einem anthroposophischen Seminar konnte ich arbeiten. In der Küche. Gegen Unterkunft und Essen. Da ich mich „illegal“ in Schweden aufhielt, war die Auszahlung eines Gehaltes nicht möglich. Prima! Da suche ich mir Arbeit, um rauchen zu können, und bekomme ein Bett und Futter, nebst dem Vergnügen, dies auch für andere zubereiten zu dürfen, aber keine Suchtstoffe! Dem Drang zu rauchen verdanke ich einige wunderbare Erkenntnisse in meinem Leben. Natürlich nicht diese mit schwarzer Umrandung, die Verpackungen von Tabak und Zigaretten in jüngster Zeit verunzieren.

Zu essen hatte ich genug. Neben einem Bett auch die Gesellschaft von vielen Jugendlichen, und ringsum wunderbare Natur. Außerdem eine naive, unbekümmerte Lebenseinstellung. Immerhin hatte ich in der Schweiz auch noch eine kostenpflichtige Wohnung, aber das beschwerte mich wenig. Die vielen Jugendlichen konnte man hervorragend um Tabak anschnorren. Aber nicht ewig. Die Skandinavier, besonders die Jüngeren, sind unheimlich tolerant und großzügig. Aber ich war kein Schwede. Denn es kam für mich der Tag, an dem ich nicht mehr ausleihen wollte oder konnte. Aber Nichtrauchen kam für einen überzeugten „Illegalen“ nicht in Frage. Also vertagte ich das Problem, legte mich nach der vorerst letzten Zigarette in mein hart erarbeitetes Bett und delegierte mein Problem an meine Götter, hoffend, dass diesen etwas einfallen möge.

Am nächsten Morgen stand ein etwas verschlafener Zwangsnichtraucher in der Küche und kompensierte gerade den Nikotinentzug mit sehr viel Kaffee, als die Küchenchefin mit einem verlegenen Lächeln in sein Gesichtsfeld schritt: „Ach, Markus, ich habe dich gestern nicht gesehen, hier ist ein Brief für dich.“ Meine Götter sind zuverlässig. Der Brief enthielt unter anderem einen Schein, der groß genug war, um alle Tabakschulden in gleicher Münze begleichen zu können und einen genügenden Rest, um Eigenbedarf für die nächsten Tage zu behalten. Auch war ich nun wieder „kreditwürdig“, es dauerte eine ganze Weile, bis der bedauernswerte Zustand des „Vorbriefmorgens“ wieder erreicht war. Doch meine Götter sind zuverlässig. Mal „wichtelte“ eine Kollegin, die es ungerecht fand, dass ich für die gleiche Arbeit keine Bezahlung erhielt, mal wurde ein längst vergessener Kredit zurückgezahlt. Oder ein anderes Wunder passierte.

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http://fognin.de/lizenzen/cc-lizenz/   Bild von Marianne Tralau