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fognin wird amtlich

rvw Schaue dir deinen Ausweis an. So dieses ein deutscher ist, ausgestellt von der Bundesrepublik, steht auf der Rückseite der Plastikkarte unterhalb der unvermeidbaren blauen Augenfarbe und über dem Feld, in dem die ausgebende Behörde sich verewigt „Künstler- oder Ordensname“. Ein Feld, das sich meist durch herausfordernde Leere unangenehm bemerkbar macht. Vielleicht ist es der neu zu er-stehende Ausweis mit der Geltungsdauer von zehn Jahren, vielleicht ist die peinliche Abwesenheit eines Ordensnamens ein will-kommener Anlass darüber nachzudenken:

Wer bin ich? Wer bin ich in den nächsten zehn Jahren? Bin ich die kaum endende Nummer, die die Frontseite ziert, bin ich Nachname, Vorname, Geburtsdatum – Wahrheiten an denen ich nur verschwindenden Anteil habe. Auch die Augenfarbe ist fremdbestimmt. Die Grösse, die eigentlich die Länge der zu beschreibenden Person verdeutlicht, ist die einzige Information, an der ich mitgestaltet habe: Hätte ich mit dreizehn Jahren nicht angefangen zu rauchen, wäre ich heute vielleicht etwas länger? Spekulation, aber Möglichkeit. Drei Ziffern in meinem Ausweis, die mich als gestaltenden Menschen beschreiben? Habe ich knapp 47 Jahre gelebt, um mich seit meiner Geburt nur in der einen Variablen verdeutlicht zu haben? Nein, auch für die beamtete Welt, auch für die bürgerliche Existenz ist mir dies zu wenig. Ich kann ihn ja füllen, den einzigen Freiraum der Karte, kann jedem Polizisten, Postbeamten und Grenzschutzbeamten die erstaunliche Tatsache amtlich dokumentieren: ich bin ja fognin.


Bin ich also fognin, will ich auch, dass diese Tatsache sich in dem neuen Ausweis verzehnjahrt. Besser jetzt als nie.


fognin war ich schon mit 16 Jahren, als mein Freund der Maler war und ich der Dichter. fognin waren beide, mit dem heiligen Ernst der Jugend, fognin waren wir in durchgesprochenen Nächten, als wir Dichtung und Malerei neu erfanden, in großen Spachgesten und kleinen bunten gezeichneten Zetteln unsere Welt erfanden. Die schaffende Zeit der frühen Jugend spülte die Freunde auseinander und den dichtenden Maler aus den Augen des zeichnenden Dichters. Aus Sukram wurde wieder sittsam Markus. Der Dichter verschwand hinter anderen Berufen wie Elektriker, Beleuchter, Koch, Bäcker, Buchhändler, Archivar, Computerfachmann und Journalist. fognin überlebte eher im Privaten, in den zarten Ecken einer sich wandelnden Existenz. Tagebücher wurden gefüllt von jemandem, der sich fognin nannte.

fgi_035 Fünf Buchstaben und als Name ohne jede Bedeutung. Als es darum ging, anderer Leute Kunst herauszubringen, in Bücher, Heften, Noten und Tonträgern, da wurde er wieder öffentlich: es war fognin, der dies erstehen ließ. fognin präsentiert sich auch im Internet und das gleich mit einheimsender weiter Gebärde. Und in den weiten des virtuellen Netzes war er fast einzig: fognin gab es nur noch als historischen Eintrag in dem Register eines italienischen Friedhofs: Hier starb Sowieso Fognin und hinterließ keine Erben! Jetzt war unser fognin zwar einzig und originär, frei von jedem Erbstrom, aber nicht wirklich einzigartig, galt seine Kreativität doch den Produkten anderer. Aber auch dies wandelte sich. Er machte Musik. Mit anderen und Allein: gezeichnet: fognin!

Er fing wieder an zu schreiben, meist unter seinem Alltagsnamen, aber da, wo er mit Herzblut schrieb, stand deutlich (manchmal unsichtbar) fognin darunter. Er fing an, Grenzen zu gestalten, Grenzen zwischen Menschen, Grenzen zwischen Kunstgebieten, Meinungen und Interessen. Unnennbares in keinem wirklichen Zusammenhang mit der bürgerlichen 175 cm langen Existenz, also fognin. Und da das Unbenannte das Sichtbare braucht, um nicht allzu schmerzvoll zu sein, schrieb er unter sein vermehrt entstehenden Fotos mit goldenen Lettern: fognin. Jetzt gab es sogar so etwas wie einen Karrierehöhepunkt: Eine lang geplante Fotoausstellung zog überraschend viele Menschen in die Eröffnung. Musik und Rezitation priesen fognin unter diesem seinen Namen. Rezeptionen in den Zeitungen folgten und fast abschließend schon, Menschen, die eine Visitenkarte mit den 5 Buchstaben erhaltend, verwundert „ach, Sie sind das“ ausriefen.

Aber auf dem vergangenen Ausweis stand immer noch 175 als einzige wirkliche Variable, darunter blau und in der nächsten Zeile – nichts.


„Ich erkundige mich“. So die Replik der freundlichen Dame beim Ordnungsamt auf die Frage, wie man den seinen Künstler- oder Ordensnamen in das Feld eintragen lassen könne. Die Antwort kam kurze Zeit später per eMail:


„In den Nachrichten des Städteverbandes Schleswig-Holstein steht geschrieben, dass: nach den vom Bundesministerium des Innern zur Zeit vorbereiteten Gesetzesänderungen vorgesehen ist, künftig weder Doktorgrad noch Ordens- oder Künstlernamen in die Dokumente eintragen lassen zu können.
Sollten Sie dennoch Ihren Künstlernamen eintragen lassen, müssen Sie mir (z.B. durch eine Künstleragentur) nachweisen, dass Sie einen Künstlernamen führen.
Sollten Sie keiner Künstleragentur angehören, müssen Sie sich informieren wie Sie einen Künstlernamen annehmen können.“


Der letzte Satz hat es in sich: Wenn keine Agentur – dann soll man sich informieren. Ich frage mich…. Ich frage mich …

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